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PROJEKTE
Juedisches Leben in der Region
Spuren jüdischen Lebens rund um den Hesselberg

Spuren jüdischen Lebens rund um den Hesselberg – der Titel lädt ein, sich auf Spurensuche zu begeben nach dem einstigen jüdischen Leben in unserer Region. Viele Spuren sind verwischt, viele Spuren sind unwiederbringlich verloren, von manchen Spuren wollte man nichts wissen, manche am liebsten vergessen. 

Und doch sind sie da, diese Spuren. Die Geschichte hinterlässt immer ihre Spuren, ob man will oder nicht.

Der Arbeitskreis jüdisches Leben rund um den Hesselberg hat sich auf die Spurensuche zwischen Altmühl und Wörnitz begeben mit dem Hesselberg als dem markantem geographischen Zentrum. Dieser Raum als historische Schnittstelle zwischen dem Markgrafentum Ansbach, den Oettinger Grafschaften und den Reichsstädten Dinkelsbühl und Nördlingen, man müsste auch noch den Deutsch Orden dazu nehmen - bot dem schwäbisch-fränkischen Landjudentum einen vielfältigen sozialen, wirtschaftlichen und religiösen Entfaltungsraum.

Daher war eine Abgrenzung der zu behandelnden Orte schwierig und wir entschieden uns eher aus arbeitsorganisatorischen Gründen auf die gebotene Auswahl von 18 Orten in der groben Nord-Süd-Achse von Wörnitz und Altmühl. Ein gewisses Kriterium war auch der Einzugsbereich der Friedhöfe, vor allem Bechhofen, denn für den Schopflocher Friedhof hätten die ganzen württembergischen Orte mit einbezogen werden müssen.

Welche Spuren jüdischen Lebens sind zu finden? Ein Auszug aus dem neuen 6. Band "Spuren jüdischen lebens ´rund um den Hesseleberg" der "Kleinen Schriftenreihe" der Region Hesselberg.

Friedhöfe
Die noch am eindrücklichsten erhaltenen Spuren sind wohl in den Friedhöfen in Bechhofen, Schopfloch, Oettingen Wallerstein, Hainsfarth und Steinhart zu finden. Grabsteine, die ihre Geschichten erzählen von den jüdischen Familien, die oft schon seit Jahrhunderten in den Dörfern lebten. Geschichten von Freud und Leid, von Familienstolz und Fleiß, vom Glauben und der Hoffnung, von Vergänglichkeit und Patriotismus.

Bewegend ist es, wenn die Nachfahren einstiger jüdischer Bürger die Gräber besuchen, dort nach jüdischem Brauch einen Stein ablegen und auf Spurensuche gehen. In den Gesprächen an den Gräbern werden neue Brücken gebaut. Man erfährt etwas davon, wie die Geschichte derer weiter ging, die Nazi-Deutschland entflohen konnten und hört betroffen zu, wenn von denen erzählt wird, die es nicht geschafft haben, weil sie die Lage falsch einschätzten, sich ein Ticket nicht leisten konnten oder niemand im Ausland hatten, der für sie bürgen konnte.

Neben den Friedhöfen finden sich in manchen Orten noch zum Teil zahlreiche Gebäude, die in ihrer baulichen Grundsubstanz auf  jüdischen Besitz zurückgehen.

Synagogen
Herausragend dabei sind natürlich die ehemaligen Synagogen, die in unserem Raum wegen allgemeinem Raumbedarf nicht überall niedergebrannt wurden, so zum Beispiel in Altenmuhr, Heidenheim, Leutershausen, Hainsfarth, Oettingen, Mönchsroth und Wallerstein. Leider wurden mit dem späteren Abbruch einiger der die NS-Zeit überstandenen Synagogengebäude die Spuren jüdischen Lebens unwiederbringlich zerstört. Zumindest erinnern heute überall Gedenksteine an diese Spuren. Aber da, wo sie in ihrer oft markanten Architektur mit dem Krüppelwalmdach erhalten blieben, sind sie Zeugen der Geschichte, auch der Geschichte mit dem Umgang der Geschichte nach 1945.

Das herausragende Beispiel in unserem Betrachtungsraum für einen würdigen Umgang mit der Geschichte ist die restaurierte Synagoge in Hainsfarth. Sie bietet einen prägenden Eindruck des Glanzes einstigen jüdischen Lebens und seiner gottesdienstlichen Feier und es ist spannend, wie es mit dem Gebäude der ehemaligen Israelitischen Elementarschule weitergeht, das die Gemeinde vor kurzem erworben hat.   

Häuser
Zahlreiche Gebäude in den Orten gehen noch in ihrer Bausubstanz auf ehemalige jüdische Besitzer zurück, auch wenn Umbau- und Sanierungsmaßnahmen  allmählich den früheren Eindruck immer mehr verändern.

Ein schönes Beispiel für den Erhalt alter Substanz ist das Wittelshöfer Haus in Colmberg. Aus diesem Haus stammt der Großvater des berühmten Musikers Billy Joel, Karl Amson Joel.  Als Textilwarenhändler ging er 1928 nach Nürnberg und gründete dort einen Versandhandel für Textilien. 1938 erfolgte im Zuge der Arisierung der Zwangsverkauf des Betriebs an Josef Neckermann.  Karl Amson Joel gelang über Kuba die Flucht in die USA, 1964 kehrte er nach Nürnberg zurück, wo er 1982 verstarb. 

Religiöse Gebrauchsgegenstände
Auf der Suche nach religiösen Gebrauchsgegenständen werden wir auf unserer Spurensuche in Museen fündig. Zwei im Buch abgebildete und extra dafür von Franz Kimmel fotographierte Thora-Schilder aus Oettingen und Wallerstein finden sich im Jüdischen Kulturmuseum in Augsburg. Ein Chanukka-Leuchter und ein Seder-Teller stehen in der Zinn-Sammlung des Fränkischen Museums in Feuchtwangen.Bild Dinkelsbühler Leuchter

Ein weiterer in Dinkelsbühl angefertigter Leuchter befindet sich im Jüdischen Museum in Frankfurt und ist zur Zeit als Leihgabe im Dinkelsbühler Haus der Geschichte ausgestellt. 

Gefallenendenkmäler
Die nächste Spur, auf die auch immer wieder Israel Schwierz hingewiesen hat, sind die Gefallenendenkmäler aus dem 70er und 1. Weltkrieg.  Sie haben meist in den Kirchen den Nazi-Wahn überstanden und sind Zeugen einer patriotischen Gesinnung, von der sich die Deutschen jüdischen Glaubens nicht ausschlossen.  Der unauslöschliche Dank zum steten Gedenken an die tapferen Verteidiger wurde alsbald vergessen, Neid und Ausgrenzung wurden zum Identitätsmerkmal einer tief im 19. Jahrhundert verwurzelten national-konservativen Judenfeindschaft.

Interessant ist, dass diese Tafel in der St.Martins-Kirche in Wittelshofen mit den jüdischen Namen noch 1930 angeschafft wurde, ebenso die in Mönchsroth.

Judenwege
Auf eine weitere Spur führt uns der auch noch als solcher ausgeschilderte Judenweg von Dürrwangen nach Schopfloch. Diese Wege, bisweilen abseits der herkömmlichen Straßen waren so etwas wie die Lebensadern der Gemeinden, auf denen man sich bewegte zum Handel und zum Bestatten der Toten auf den oft entfernt gelegenen Friedhöfen.

So stoßen wir auch auf die Existenz einer früheren jüdischen Besiedelung in Dürrwangen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, von der es heute bis auf den Judenweg keine Spuren mehr gibt.

Zum Buch:
Begriffserklärungen am Schluss verschaffen einen schnellen Überblick und Literatur- und Internethinweise helfen dem, der tiefer in die Thematik einsteigen möchte, weiter.

So ist ein handliches Überblickswerk entstanden, das einen kleinen Einblick gewährt in eine Zeit, die geprägt war davon, dass der jüdische Glaube neben der evangelischen oder katholischen Leitkonfession oftmals den zweitstärksten Vertreter religiösen Lebens in den Dörfern bildete. Vor allem im 19. Jahrhundert führte dies zu einem vielseitig verflochtenen Miteinander von Juden und Christen in den Dorfgemeinschaften.  

Dem furchtbaren Ende zum Trotz wollen wir den Spuren jener Zeit nachgehen, sie dem Verdrängen und Vergessen entreißen, um daraus zu lernen für ein Leben in Achtung und Toleranz. Jüdisches Leben ist Teil unserer Heimatgeschichte. Darauf dürfen wir, wie auf unsere Heimat und unsere Hesselberg-Region, miteinander stolz sein.

Die Namen aller Mitarbeitenden:
Herr Küsswetter für die Bezirke Mittelfrnaken  und Schwaben
Barbara Eberhardt, Einführung
Herbert Dommel, Bechhofen
Klaus Broser, Colmberg, Jochsberg, Leutershausen
Willi Fettinger, Dennenlohe
Gerfrid Arnold, Dinkelsbühl
Dietrich Weiß, Feuchtwangen
Hans Schlumberger, Heidenheim am Hahnenkamm
Wilfried Jung, Altenmuhr
Dr. Petra Ostenrieder,Oettingen, Steinhart
Angelika Brosig, Schopfloch, Wittelshofen, letzeres zusammen mit Heinrich Zoller
Siegfried Thum, Wallerstein
Horst Kirchner, Wassertrüdingen
Gunther Reese: Dürrwangen, Hainsfarth und Mönchsroth

Lay out: Natalie Geradi
Übersetzung: Ruth Heiman bitte ich Margot Deininger –Meyer mit nach vorne.

Eine schöne Geschichte zur Übersetzung
(ein Bericht zum Buch von Herr Pfarrer Gunther Reese)

Als sich mein Weg im Mai letzten Jahres in New York mit Ruth Heiman kreuzte, war sie sehr angetan, als ich ihr von unserm Buchprojekt erzählte und ich wagte sie zu fragen ob sie die Übersetzungen machen würde. Spontan sagte sie zu und ließ mich nicht im Stich. Nach und nach kamen die Beiträge und ich war beeindruckt.  Ruth Heiman arbeitet als freie, ehrenamtliche  Mitarbeiterin im Leo-Baeck Institut in New York und überträgt dort deutsche Sütterlin-Texte in Reinschrift.  1923 wurde sie in Nürnberg geboren und kam 1939 als 16jährige mit einem der von den Engländern organisierten Kindertransporte nach England. Ihre Eltern und die Familei sah sie nie mehr wieder. 1947 heirate sie in den USA den aus Oberdorf bei Bopfingen stammenden Martin Heiman. Neben ihrer Mitarbeit im Institut ist sie auch Vorstandsmitglied der in New York ansässigen Kindertransport Association.







© Region Hesselberg
Geändert: Montag, 01. Nov 2010